Statusbericht von der aktuellen Arbeitstagung in Kloster Banz über die geplante Neuregelung 

Oliver Jörg, MDL, berichtet in einem der Impulsreferate von dem Kabinettsbeschluss, dass ein Qualitätssiegel für Bildungsangebote geschaffen werden soll. Dabei sollen verschiedenste Interessengruppen eingebunden werden, Bildungsträger genauso wie Wirtschaft, Verbände, Gewerkschaften, Verbraucherschützer und Abnehmer der Bildungsleistungen.

Diese Einbeziehung der Beteiligten findet aktuell statt im Rahmen einer Arbeitstagung in Kloster Banz unter Federführung des Bayerischen Kultus- und des Wirtschaftsministeriums und ich freue mich, dabei sein zu dürfen. Knapp 100 Teilnehmer diskutieren und bringen sich in Workshops ein. Die Ergebnisse dienen den beiden Ministerien zur Meinungsbildung und Vorbereitung der anstehenden Neuregelungen.

Oliver Jörg hält persönlich nichts von einem weiteren Siegel, weist aber darauf hin, dass das intern sehr unterschiedlich gesehen wird. Jörg plädiert für eine staatliche Zulassung, ggf. unter Herausstellung des nach seiner Meinung international anerkannten Status „Bayerisch“.

Frau Undine Gustavus vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung stellt ein Qualitätssicherungssystem auf freiwilliger Basis vor, das die Betroffenen selbst organisiert haben und das von offizieller Seite unterstützt und gefördert wird. Aus meiner Sicht ein vielversprechender Ansatz. Zu prüfen ist, ob er auch in einem Flächenstaat wie Bayern funktionieren kann.

Dr. Christoph Anz, Leiter Bildungspolitik BMW Group, stellt seine kritische Sicht auf Zertifizierungen, Zertifikate und Bescheinigungen aus der Sicht eines Großunternehmens dar, das sich ganz auf eigene Formen und Prozesse in der Personalauswahl konzentriert.

Prof. Dr. Susanne Weissmann, Vizepräsidentin der TU Nürnberg, bringt die Sicht der Hochschulen ein und plädiert für eine deutliche Stellungnahme der Politik, ob Hochschulen in dem offenen Bildungsbereich aktiv sein sollen. Wenn ja, bräuchte es dazu einen klaren Auftrag und in letzter Konsequenz auch klare Rahmenbedingungen für Durchführung und Fragen des Etats.

Der Nachmittag ist geprägt von verschiedenen Workshops. Die Ergebnisse werden am Folgetag im Plenum vorgestellt.

Quintessenz (stark verdichtet) aus den Workshops des Vortages: Qualitätsmanagement ist für Bildungsangebote unerlässlich, aber ob alles zertifiziert werden muss ist eher fraglich. Nicht zuletzt auch wegen der Tatsache, dass nicht alles, was für den Verbraucher wichtig ist, zertifiziert werden kann. So wurden z.B. von meiner Seite Vorbehalte gegenüber Zertifizierungen geäußert, wenn es um die Vermittlung von Softskills geht.

Gewerkschaftsvertreter wenden zudem ein, dass teilweise der Fokus auf den Menschen fehlt. Im Gegenteil: Wenn Prüfer im Haus sind, kann vor lauter korrekter Dokumentation die eigentliche Arbeit am Menschen nicht mehr vollzogen werden. Dies scheint mir aber hauptsächlich im Kontext praktisches Gesundheitswesen von Bedeutung zu sein, weniger im Bereich der (Aus-)Bildung.

Eine ganz eigene Sicht auf die Thematik haben die Arbeitsagenturen, die jährlich einen Etat von über 200 Mio € für private Bildungsträger zur Verfügung stellen. Aber auch die AA legt angeblich weniger Wert auf formale Zertifizierung der privaten Anbieter, die in Form von Bildungsgutscheinen unterstützt werden, sondern will künftig parallel auf eine Evaluation durch ehemalige Kursteilnehmer setzen, die ihre Erfahrungen auf dem Portal der AA „KursNet“ einstellen können.

Prof. Dr. Karl Wilbers von der Universität Erlangen-Nürnberg plädiert dafür, die Bildung als „mischreguliertes Wesen“ beizubehalten, getrennt nach den Bereichen Hochschulische Bildung und berufliche Bildung, letztere nochmals unterteilt in Aus- und Weiterbildung, und warnt vor einer Verschiebung hin zu mehr staatlicher Regulierung (Stichwort Planwirtschaft). Fortschreitende Gesellschaften seien geprägt von einer Zunahme an Komplexität und das sei auch nicht umkehrbar. Ein Fehler wäre es seiner Meinung nach, der Komplexität mit stärkerer Regulierung zu begegnen. Der einzig erfolgversprechende Weg sei das Managen von Komplexität.

Klaus Mertens, wiss. Mitarbeiter des Betriebsrates bei der ZF Friedrichshafen, spricht über die Digitale Transformation. Ihm wird die Diskussion über diesen Begriff in Deutschland zu techniklastig geführt. Deshalb geht er rasch auf die sozialen Formen ein, die heute mit der  Handhabung von technischen Hilfsmitteln einhergehen. Für ihn stellt sich unter anderem die Frage, wie in unruhigen Zeiten – und sie werden nicht ruhiger werden – dem Menschen die nötige Stabilität gegeben werden kann um gesund zu bleiben.

Persönliches Fazit:

Die Tagung wurde mit der festen politischen Willensbekundung eröffnet, ein neues Qualitätssigel ins Leben zu rufen. Umso mehr hat es mich überrascht, wie groß die Zahl der Skeptiker war (ich selbst zähle mich dazu), die dem Vorhaben eher ablehnend gegenüberstehen.

Nachdem diese Tagung zur Meinungsbildung der beteiligten Ministerien beitragen sollte, kann wohl momentan davon ausgegangen werden, dass das Vorhaben nicht weiter verfolgt wird. Diese These wird unterstützt durch die Rechtslage, nach der ein Kabinettsbeschluss, wenn er nicht innerhalb der aktuelle Legislaturperiode umgesetzt wird, mit deren Ablauf verfällt. Es bräuchte also von der in diesem Jahr neu gewählten Regierung einen neuen Beschluss.

Interessant war in jedem Fall der Austausch mit den Fachleuten aus vielen unterschiedlichen Bereichen und ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen. Sollte das Thema unter dem neuen Ministerpräsidenten nochmals aufgegriffen werden, würde ich eine Selbstregulierung nach dem Modell in Hamburg favorisieren, das auch in Hessen bereits erfolgreich eingeführt wurde.

Weiterbildung Hamburg e.V.