Konflikte begegnen und begleiten uns das ganze Leben,
wir kennen sie, seit wir Kinder waren. Die Existenz von Konflikten ist also der Normalzustand. Nicht ganz so „normal“ ist  unser Umgang mit ihnen.

„Konflikte beeinträchtigen unsere Wahrnehmungs-fähigkeit und unser Denkvermögen so sehr, dass wir im Lauf der Ereignisse die Dinge um uns herum nicht mehr richtig sehen“
(Der Konfliktforscher Friedrich Glasl).

Nicht zuletzt deshalb gilt es, Konflikte beizeiten anzugehen, um diesem Effekt vorzubeugen.

Wenn es uns gelingt, im Konfliktfall die Grundbedürfnisse eines Menschen im Blick zu behalten, können wir mit Auseinandersetzungen deutlich besser umgehen. Wir entwickeln damit unsere Konfliktfähigkeit. Der Neurowissenschaftler Dr. Heinz Strauß hat diese Grundbedürfnisse erforscht. Er differenziert sie in die drei Formen (1) angenommen werden, (2) verstanden werden und (3) bewertet werden.

Aus diesen drei Grundbedürfnissen leitet Strauß das Geborgenheitsdreieck ab, dem vor allem in Konfliktsituationen eine besondere Bedeutung zukommt. Aus meiner Sicht ist es der Schlüssel zur Entwicklung der eigenen Konfliktfähigkeit.

Fangen wir oben an: Es geht also darum, insbesondere im Konflikt den anderen als Mensch anzunehmen. Das mag fast selbstverständlich klingen, ist aber in der Realität mitunter extrem schwer. Wer sich je bei einer Auseinandersetzung in Rage geredet hat, kann das vermutlich bestätigen.

Das Annehmen gelingt am besten über das Verstehen. Wenn ich das Handeln meines Gegenübers verstehe, wird es mir am ehesten gelingen, eine annehmende Haltung zu bewahren oder sogar erst zu entwickeln.
Allerdings: Oft w o l l e n wir jemandem gar kein Verständnis entgegenbringen, dessen Verhalten wir missbilligen.

Damit es trotzdem gelingt, eine entsprechende Haltung einzunehmen mag der Hinweis helfen, dass „Verstehen“ nicht gleichzeitig „Zustimmung“ bedeutet. Beispiel: Ein Ermittler wird vermutlich kein Verständnis für seinen Delinquenten entwickeln, dennoch ist es für ihn sehr wichtig, das Verhalten dieses Menschen zu verstehen, ganz im Sinne der Motivsuche.
Das eigene Verstehen kann ich nur steigern, wenn ich viel frage. Mutiges Fragen, das von echtem Interesse geleitet ist und nicht belehrend sondern authentisch daherkommt, bildet einen soliden Grundstock dafür, den anderen weiterhin als Mensch anzunehmen. Während das Verstehen vor allem von meinem Tun (Fragen stellen) abhängt, geht es beim Annehmen überwiegend um die Entwicklung einer Haltung.

Das Bewerten – nicht den Menschen als solches, sondern sein Handeln oder das, was er gerade gesagt hat – gelingt besser, wenn die Beteiligten die Regeln der Kommunikation beherrschen oder sich auf solche einigen. Inhaltlich geht es dabei um eine möglichst objektive, prüfende Werteinschätzung, die frei von Abwertung ist.
Wer ohne Mediator an der Entwicklung der eigenen Konfliktfähigkeit arbeiten möchte, kann sich getrost zunächst auf die beiden Dimensionen Annehmen und Verstehen konzentrieren und wird damit spürbare Fortschritte erzielen.

Viel Erfolg beim Einlassen auf dieses spannende Thema!

Über den Autor

Christian Velemir-Sorger arbeitet seit über zwanzig Jahren als Coach & Mediator, ist Dozent an der Hochschule f. angewandtes Management in Erding und leitet ein eigenes Coachingunternehmen in Rosenheim.

Seit 2017 ist er auch im Vorstand der deutschen Stiftung Mediation aktiv.