Fotolia_5207283_XS - Arm drücken„Bleiben wir doch sachlich“ immer wieder begegnet uns diese Aufforderung im Gespräch oder als Empfehlung in Büchern und Schriften zum Thema Kommunikation.

Die Praxis dagegen zeigt immer wieder, dass Gespräche reihenweise scheitern, wenn sich die Beteiligten auf die Sachinhalte beschränken. Das trifft insbesondere dann zu, wenn es sich um konfliktbehaftete Gesprächsthemen handelt. Vor allem im Konflikt  führt das Bemühen um Sachlichkeit zu verkrampftem aneinander-vorbeireden. Das worauf es ankommt, zum Beispiel was den anderen verletzt, gekränkt oder geärgert hat, kommt nicht zur Sprache. Das Zwischenmenschliche geht verloren. Aber nur darum geht es – das was sich zwischen Menschen abspielt. Ohne die Beziehung zwischen den beiden Seiten zu klären und auf dieser Ebene wieder eine gemeinsame Basis zu finden, wird es keine Einigung auf der Sachebene geben. Fehlt ersteres, werden Sachthemen meist unbewusst missbraucht, um den eigentlichen Konflikt auszutragen.

Sachlichkeit will also das Gefühl aus dem Dialog verbannen – warum? Das Hauptmotiv dürfte die Angst vor der Eskalation sein. Allerdings fällt unser Eingangszitat nicht in diese Kategorie. „Bleiben wir doch sachlich“ ist an sich kein neutraler Apell sondern ein Element der Kampfrhetorik und ein Angriff, der gleichzeitig eine Abwertung enthält: Er unterstellt dem anderen Unsachlichkeit und damit Inkompetenz.

Die Motive für Sachlichkeitsapelle in der Kommunikationsliteratur sind dagegen verständlich: Wo Emotionen zugelassen werden, können Konflikte eskalieren. Dies umso mehr, wenn Emotionen lange zurückgehalten wurden. Genau das ist meistens der Fall weil wir immer ungeübter in der rechtzeitigen Artikulation unserer Gefühle sind.

Die hohe Kunst der Gesprächsführung besteht nicht in der Sachlichkeit sondern in der Verbundenheit mit sich selbst. Dazu braucht es vor allem eine gut geschulte Selbstwahrnehmung und Selbstreflektion. Dadurch bin ich in der Lage, meine Resonanzen differenziert wahrzunehmen. Gute Gesprächsführung lebt nicht von Technik, sondern davon, sich mit seinen Resonanzen zu zeigen, sich ggf. zuzumuten. Dann entsteht echter Kontakt. Diese Art von Kontakt ist die Basis für die oben erwähnte Beziehungsebene. So entsteht die Chance, voneinander zu lernen und zu differenzieren. Das erfordert, sich Zeit zu lassen und eröffnet die Möglichkeit sich näher kommen. Damit hätte sich so manche Schuldfrage erledigt.